Gerollt und gefaltet kommt Volumen und dadurch neues Leben in die melancholischen Multiples von Félix González Torres: Caroline Heider, ohne Titel (aus der Serie Felix Gonzales Torres), 2010.

Foto: Winiarzyk

Wien - Seit dem Barock, schreibt Gilles Deleuze, hat die Falte die Kulturgeschichte geprägt. In seiner Abhandlung Die Falte: Leibniz und der Barock beschreibt Deleuze sie als Charakteristikum der Leibniz'schen Philosophie und der Epoche, die mit philosophischen und räumlichen "Wendungen" auch neue Perspektiven hervorgebracht hat.

In der Kunst von Caroline Heider spielt die Figur der Falte ebenfalls eine wichtige Rolle: Überall sieht man Schnitte, Knicke und Ecken, und auf einem der Sockel, auf denen die Künstlerin ihre Objekte drapiert, liegt auch das Buch von Deleuze.

Mit Knicken und Eselsohren verleiht sie dem Buch einen voluminösen Körper, während sie mit dieser eigentlich sehr einfachen Technik gleichzeitig auch Körperlichkeit reduziert: Um mediale Frauenbilder zu dekonstruieren, hat sie Fotografien aus Hochglanzmagazinen auf eine Weise geknickt, die zentrale Bildinformationen - Kleidung, Körper und Gesicht - großteils in der Falte verschwinden lässt. Mit einem präzise gesetzten, einzigen Knick werden von Heider aber auch Informationen betont: In einer Serie, die Sammlergattinnen zeigt, heben diese "Brüche" neben Posen und Kleidern auch die Namen dieser Frauen hervor, die man 1938 allerdings nicht mit ihrem eigenen Namen, sondern mit dem ihrer Männer "betitelte".

Dass die Kunstgeschichte für Heiders Arbeit wesentlich ist, zeigt eine andere Serie, die auf Fotografien von Alfred Stieglitz basiert: In den 1920er-Jahren wurde dieser unter anderem für seine Aufnahmen von Wolken bekannt, die ihn als Stimmungsträger interessierten. Heider hat einige davon noch einmal abfotografiert und mit Knicken versehen, die sich in die Bilder als Blitze und andere atmosphärische Phänomene einschreiben.

Stieglitz ist in der Ausstellung nicht der einzige Künstler, den Heider überarbeitet hat: "Gerettet" hat sie auch die weggeworfenen Plakate von Félix González-Torres, die 2007 auf der Biennale Venedig eigentlich zum Mitnehmen gedacht waren. Nun hängen die mit Wolken und Trauerrand bedruckten Plakate wieder im Ausstellungsraum, wo sie in sorgsam abfotografierter Form aufs Neue ihre Melancholie entfalten. (Christa Benzer/ DER STANDARD, Printausgabe, 9.12.2010)